Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Kompostwürmer für den Garten oder als Futtertier? Fragen zu den Spezies: Eisenia foetida, Dendrobaena veneta oder doch ein Regenwurm (Lumbricus terrestris) ? Dann bist Du hier richtig!
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Wurmcolonia
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Re: Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Beitrag von Wurmcolonia »

Hallo Claridad_Sol,

damit die Frage, ob es spezielle Vorschriften gibt für die Verfütterung von Gewerbeabfall an deine Würmchen, musst du zunächst die Frage beantworten, ob du die Würmer und/oder den Wurmhumus verkaufen möchtest oder ob sie "nur" dein Hobby sind. Darüber hinaus, welcher Verwendung die Würmer zugeführt werden sollen, z.B. als Futterwürmer für Tiere die evtl. zum menschlichen Verzehr gedacht sein könnten oder als Futterwürmer für Zoo-Tiere, für die es sicher auch spezielle Qualitätsvorschriften gibt. Auch bezügl. des Wurmhumus gibt es sicher Qualitätsanforderungen, wenn dieser in der (ökologischen?) Landwirtschaft Verwendung finden soll.

Das bedeutet, es gibt Fragen über Fragen, die du zunächst beantworten musst, bevor du die jeweils dafür gültigen Vorschriften bzw. Qualitätsanforderungen ermitteln kannst :o .

Herzliche Grüße
Wurmcolonia
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Pfiffikus
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Re: Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Beitrag von Pfiffikus »

Hallo Claridad_Sol,
Claridad_Sol hat geschrieben: Do 15. Jul 2021, 13:28 Nun plane ich, eine Kooperation mit ein, zwei lokalen Restaurants aufzubauen, um von ihnen Kaffeesatz und Gemüsereste zu beziehen, die ich dann an die Wurmis verfüttern kann. Wisst ihr, ob es da irgendwelche Auflagen innerhalb der EU oder Deutschland gibt, was die Nutzung solcher "Abfälle" angeht?
es wurde hier schon geschrieben, dass es vor allem auf Deine Ziele ankommt.

Willst Du Würmer als Futter produzieren. Oder Würmer zum Angeln? Offenbar nutzt Du die Würmer nicht zur Abfallentsorgung.

Oder willst Du Wurmhumus produzieren?

Produzierst Du für Dich privat oder zum Verkauf?

Wenn Du Antworten auf diese Fragen gefunden hast, kann man gezielter antworten.


Faustregel: Was Du privat machst, interessiert die Eurokraten nicht. Wenn Du die Würmer gewerblich züchten möchtest, um diese oder deren Produkte zu verkaufen, wird Dir der Unternehmensberater Deines Vertrauens den nötigen Rat geben und die einschlägigen Vorschriften nennen können.



Richtig ist, dass die Restaurants ihre Abfälle nachweislich vorschriftsmäßig entsorgen müssen. Doch wenn da einige Kilogramm Kaffeesatz und ein paar Gemüseschalen fehlen, fällt das auf? Diese "Spenden" an Dich sollten kaum Probleme bereiten.



Pfiffikus,
der sich nicht vorstellen kann, dass irgendwelche Kontrolleure das Zeug nachwiegen werden
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Wurmcolonia
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Re: Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Beitrag von Wurmcolonia »

Hallo Pfiffikus,

die Sache mit der Entsorgung von Abfällen ist nicht so einfach wie du denkst. Wenn es nicht um absolut zu vernachlässigende Mengen geht, die hoffentlich nicht auffallen werden, sind die Anforderung an die Entsorgung streng. Es wird von Kontrolleuren sehr wohl nachgeschaut, was reingeht in den Betrieb und was an Abfällen rausgeht. Wenn das nicht zusammenpasst, gibt es mehr oder weniger großen Erklärungsbedarf. Deshalb sollte man das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Hier kannst du, beispielhaft füt Hessen, nachlesen, wie das mit den Abfällen geht:
https://rp-giessen.hessen.de/umwelt-nat ... lentsorger

Was man aber ab prüfen könnte und sollte, wäre, ob ein (gewerblicher) Wurmzüchter als eine Art alternativer "Entsorger" offiziell "Abfälle" aus dem gewerblichen Bereich übernehmen darf und diese einer alternativen "Entsorgung" durch seine Würmer zuführen darf. So etwas müsste in der heutigen Zeit, wo Nachhaltigkeit und Recycling ganz groß geschrieben werden, eigentlich möglich sein. Hoffentlich auch ohne allzu bürokratischen Aufwand.

Herzliche Grüße
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Re: Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Beitrag von Pfiffikus »

Hallo Wurmcolonia,

Wurmcolonia hat geschrieben: So 18. Jul 2021, 10:09 die Sache mit der Entsorgung von Abfällen ist nicht so einfach wie du denkst. Wenn es nicht um absolut zu vernachlässigende Mengen geht, die hoffentlich nicht auffallen werden, sind die Anforderung an die Entsorgung streng.
natürlich weiß ich, dass es nicht so einfach ist. Tut mir leid, wenn das falsch rüber kam.

Wurmcolonia hat geschrieben: So 18. Jul 2021, 10:09 Es wird von Kontrolleuren sehr wohl nachgeschaut, was reingeht in den Betrieb und was an Abfällen rausgeht. Wenn das nicht zusammenpasst, gibt es mehr oder weniger großen Erklärungsbedarf. Deshalb sollte man das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen.
Das ist wohl richtig.
Praktisch stehen an der Gaststätte meines Vertrauens einige Bio-Tonnen, die regelmäßig (täglich?) geleert werden. Da wiegt niemand nach, wie voll die sind. Würden da täglich drei Kilo Kaffeesatz fehlen, kann ich mir nicht vorstellen, dass das jemandem auffallen würde.
Kontrolleure schauen sich die Papiere an und prüfen die Anzahl der Tonnen und den Abholrhythmus. Wenn der Betreiber diese Abfuhrmengen bezahlt, gehen sie auch davon aus, dass diese Mengen in den Tonnen landen.



Wurmcolonia hat geschrieben: So 18. Jul 2021, 10:09 Was man aber ab prüfen könnte und sollte, wäre, ob ein (gewerblicher) Wurmzüchter als eine Art alternativer "Entsorger" offiziell "Abfälle" aus dem gewerblichen Bereich übernehmen darf und diese einer alternativen "Entsorgung" durch seine Würmer zuführen darf. So etwas müsste in der heutigen Zeit, wo Nachhaltigkeit und Recycling ganz groß geschrieben werden, eigentlich möglich sein. Hoffentlich auch ohne allzu bürokratischen Aufwand.
Das ist richtig. Und das passiert schon, allerdings nicht mit Kompostwürmern, sondern mit schwarzen Soldatenfliegen.



Pfiffikus,
der niemals so riesige Mengen Kaffeesatz verarbeiten wollte, dass in Restaurants Fehlmengen auffallen würden
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Re: Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Beitrag von Claridad_Sol »

Hallo liebe Wurmbegeisterte,

Erstmal ganz vielen Dank für eure ausführlichen Antworten!! Ich finde es wirklich toll, wie in diesem Forum jedem versucht wird zu helfen (danke)

Nun zu meinem Anliegen: in meinem Falle sollen die Würmer ausschließlich für die Wurmkompostierung an andere Haushalte und Institutionen (also auch B2B) gewerblich verkauft werden, also nicht als Futtertiere verwendet werden. Später soll auch der Humus verkauft werden, wenn genug produziert wird, das ist aber erstmal Nebensache.

Noch einen schönen Restsonntag,

Claridad_Sol
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Re: Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Beitrag von Pfiffikus »

Hallo Claridad_Sol,
Claridad_Sol hat geschrieben: So 18. Jul 2021, 19:56 in meinem Falle sollen die Würmer ausschließlich für die Wurmkompostierung an andere Haushalte und Institutionen (also auch B2B) gewerblich verkauft werden, also nicht als Futtertiere verwendet werden.
Dann wende Dich doch mal an Kai Hempel. Das ist der Herr rechts im Bild. Offenbar hat er schon diverse Erfahrungen mit Behörden sammeln dürfen/müssen. Da Ihr Euch mit Eurem Angebot kaum ins Gehege kommt, kann es gut sein, dass er hilfreiche Tipps für Dich hat.
https://www.youtube.com/watch?v=VZoeXZ9fYLY
Ach dieses Video ist ja soooo nett anzusehen...



Pfiffikus,
dessen unverbindliche Meinungsäußerungen in keinem Falle eine professionelle Rechtsberatung ersetzen kann
Claridad_Sol
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Re: Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Beitrag von Claridad_Sol »

Hallo liebe Wurmfreunde,

tatsächlich hat eine E-Mail ans Umweltbundesamt schon geholfen:

„ Eine Kompostwurmzucht kann mit Kaffeesatz und Gemüseresten aus der Gastronomie gefüttert werden, wenn diese Abfälle keinen Kontakt mit Lebensmitteln tierischer Herkunft (= Lebensmittel mit Anteilen von Fleisch, Fisch, Eiern, Geflügel, Molkereiprodukten) oder anderen Lebensmitteln, die damit in Berührung gekommen sind ( z.B. Kartoffel- und Salatreste), hatten. Trifft dies nicht auf den Kaffeesatz oder die Gemüsereste zu, müssen diese Speiseabfälle aus hygienischen Gründen ordnungsgemäß über Firmen entsorgt werden, die für diese Zwecke von den Behörden registriert/zugelassen worden sind.



Die Fragestellung, ob der Kompostwurm ein Nutztier ist, kann nicht abschließend beantwortet werden.

Nach deutschem Recht wird der Kompostwurm als landwirtschaftliches Nutztier ausgeschlossen:

À„Allgemeine Verwaltungsvorschrift zur Durchführung des Tierschutzgesetzes Vom 9. Februar 2000“

12.2.1.5.1 „Als landwirtschaftliche Nutztiere im Sinne der Nummer 3 Buchstabe a gelten Wiederkäuer, Schweine, Kaninchen und Geflügel, soweit sie domestiziert sind und zur Gewinnung tierischer Produkte gezüchtet oder gehalten werden, domestizierte Einhufer, zur Schlachtung oder zum Besatz bestimmte Fische und deren Elterntiere sowie deren Farbmutanten, soweit diese in Betrieben der Teichwirtschaft und Fischzucht gehalten werden. Straußenvögel gehören nicht zum Geflügel. Pelztiere, insbesondere Nerze, Füchse, Nutrias und Chinchillas, sind keine landwirtschaftlichen Nutztiere im Sinne des § 11 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 Buchstabe a.“ (http://www.verwaltungsvorschriften-im-i ... 220006.htm)



Allerdings wurde die Definition auf EU-Ebene bereits für sieben Insektenarten ausgeweitet, die mittlerweile zur Futtermittelproduktion verwendet werden dürfen:

À VERORDNUNG (EU) 2017/893 DER KOMMISSION

(6) „Gemäß der Definition des Begriffs „Nutztier“ in Artikel 3 Nummer 6 der Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 gelten für die Herstellung von verarbeitetem tierischem Protein gezüchtete Insekten als Nutztiere und unterliegen somit der Verfütterungsverbot nach Artikel 7 und Anhang IV der Verordnung (EG) Nr. 999/2001 sowie den in der Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 festgelegten Verfütterungsvorschriften. Folglich ist die Verwendung von Wiederkäuer-Proteinen, Küchen- und Speiseabfällen, Fleisch- und Knochenmehl sowie Gülle als Futter für Insekten verboten. Des Weiteren ist gemäß Anhang III der Verordnung (EG) Nr. 767/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates (4) die Verwendung von Kot in der Tierernährung verboten.“ (https://eur-lex.europa.eu/legal-content ... 93&from=DE)



Da wir nur eine fachliche Einschätzung geben können, möchten wir Sie bitten, sich für eine abschließende rechtliche Beurteilung an die Behörden (Abfallwirtschaftsbehörde, Veterinäramt, untere Landwirtschaftsbehörde) vor Ort zu wenden.“

Da hat sich jemand mal richtig Mühe gegeben :D Der Anruf beim Veterinäramt ist übrigens sehr lustig verlaufen: Nach der Schilderung meines Falls war der Herr am anderen Ende der Leitung völlig perplex („Bitte WAS für Tiere züchten Sie?!“) und konnte nur noch die Bitte hervorbringen, das ganze als E-Mail zu schicken. Auf die Antwort warte ich noch - gerne kann ich diese dann auch hier weitergeben ;)

Bis dahin alles Gute
Claridad_Sol
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MinnaS.
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Re: Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Beitrag von MinnaS. »

*loooooooooooool* ist das geil :lol: :lol: :lol: :lol: .

Aber du hast Recht, bei der Antwort aus dem Umweltamt sind gewisse Bemühungen ersichtlich :heart: 8-) .
"Frühling ist, wenn die Seele wieder bunt denkt."

"Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken." (Novalis)
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Re: Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Beitrag von Pfiffikus »

Hallo Claridad_Sol,

herzlichen Dank dafür, dass Du uns an dieser Stelle auf dem Laufenden hältst und unser Forum damit noch informativer machst, als es jetzt schon ist.


Pfiffikus,
der sich wünscht, dass Du uns auch weiterhin aktuell informierst
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MarionS
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Re: Eigene Wurmzucht starten - Futter und Schädlinge?!

Beitrag von MarionS »

Ja, bislang nur Wirbeltiere, neu hinzugekommen halt ein paar Insekten.
Dass die Abfälle mit nix Tierischem in Berührung gekommen sein dürfen, ist wohl u.A. eine Lehre vom Rinderwahn.
LG,
MarionS
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